Gentrifizierung nennt man heute, was in Ehrenbreitstein ab dem 17. Jahrhundert vonstatten ging. Müller und Handwerker wurden an den Rand gedrängt, der Hofstaat und seine Beamten zogen ein, Bedienstete und Lieferanten folgten. Man sprach vornehmlich Französisch und Italienisch, vergnügte sich auf Jagden und baute ein prächtiges Gebäude nach dem nächsten. Mit Blickachse zur Residenz entstand die Hofstraße, eine Renommiermeile mit imposanten Häusern wie dem Palais des Hofkammerrats Ludwig Coenen von 1714.
1723 erkannte ein cleverer Gastronom die Zeichen der Zeit und errichtete auf der Hofstraße ein Wirtshaus, das weithin berühmt wurde. Wen die Geschäfte nach Ehrenbreitstein trieben, der mietete sich im „Zum Weißen Ross“ ein. Auch Goethe soll hier zu Gast gewesen sein. Jahre zuvor hatte drüben in der Residenz ein siebenjähriger Knabe einen großen Auftritt: Wolfgang Amadeus Mozart spielte für die adelige Zuhörerschaft. Mozarts Vater notierte gewissenhaft die Ausbeute dieses Konzerts – 10 Louisdor –, hatte aber sonst keine allzu gute Meinung von kurfürstlichen Höfen: „(Das) Meißte besteht in Essen und tapfer trinken!“
Die feine Gesellschaft verlangte verstärkt nach Kultur: Allein die Hofkapelle zählte in ihrer Blütezeit 53 Musiker. Im Dienste des Kurfürsten standen Hofschauspieler, -sänger und -maler. Eine kleine Malerkolonie etablierte sich. Zu ihr gehörten Künstler wie Heinrich Foelix und Januarius Zick, ein Hauptmeister des Rokoko. Ihre Arbeiten zeigt heute unter anderem das Mittelrhein-Museum in Koblenz.
Vom Mittelpunkt des geistigen Lebens am Rhein ...
1771 kam auch Sophie La Roche nach Ehrenbreitstein. Ihr Zuhause wurde die Hofstraße 262, nur wenige Schritte von der Residenz entfernt. La Roche – Schriftstellerin, Gattin, Hausfrau und Mutter – führte ein offenes Haus, das bald zu einem Mittelpunkt des geistigen Lebens am Mittelrhein avancierte. Ehrenbreitstein wurde ein Ort, den man auf der Reiseroute einplanen musste. Nicht nur Goethe empfand das so, als er schrieb: „Über alles herrlich und majestätisch erschien das Schloss Ehrenbreitstein, welches in seiner Kraft und Macht vollkommen gerüstet dastand. In höchst lieblichem Kontrast lag an seinem Fuß das wohl gebaute Örtchen, Thal genannt, wo ich mich leicht zur Wohnung des Geheimrates La Roche finden konnte.“
Heute braucht es Phantasie, um sich dieses Idyll vorzustellen. Wo Gärten grünten und Rosen rankten, donnern Eisenbahn und Autos durchs Bild. Die Preußen – ab 1816 die Herren vor Ort – verwandelten die alte Residenz in eine Garnisonsstadt. Naturgemäß hatten die meisten ihrer Bauten militärischen Bezug, etwa das fünfstöckige Garnisonslazarett, das der Berliner Baumeister Martin Gropius entwarf. Keine Neuerung aber war so einschneidend wie der Bau der rechtsrheinischen Eisenbahn 1868. Seither besaß Ehrenbreitstein einen eigenen Bahnhof. Doch dem historischen Stadtbild war eine Wunde geschlagen.
... zum Sanierungsfall mit kreativem Potenzial
Seit 1937 ist Ehrenbreitstein Stadtteil von Koblenz, bewohnt von rund 2000 Menschen, unterstützt von Stadt und Land in dem Versuch, die reiche Historie vor dem Verfall zu schützen. Hinter der Backsteinfassade des Gropiusbaus wird eifrig saniert, etliche der Barockhäuser in historischen Ortskern sind eingerüstet. Neu aufgebaut und zum Museum umgerüstet wurde schon vor Jahren ein Fachwerkhaus in der Wambachstraße 204: Hier wurde 1756 Maria Magdalena Keverich, die Mutter Ludwig van Beethovens, geboren. Ein Museum ist auch das Geburtshaus des Schriftstellers Joseph Breitbach, der 1903 in Ehrenbreitstein geboren wurde: Heute beherbergt sein Elternhaus das Rheinmuseum, das auf 1300 m² vom den ersten Menschen am Rhein, von Schifffahrt, Kulturhistorie und Rheinromantik erzählt. Noch im Wandel ist der zentral gelegene Kapuzinerplatz, an dessen Kopf alte Kapuzinerkloster samt Klosterkirche und versteckt liegendem Garten steht: 2008 haben die letzten Ordensmitglieder verlassen.
Sind die Arbeiten eines Tages abgeschlossen, steht der Ort möglicherweise vor einer erneuten Gentrifizierung. Noch erlauben es die günstigen Mieten, dass sich hier Kreative ansiedeln und ausprobieren. Seit einigen Jahren hat sich in Ehrenbreitstein wieder eine kleine Künstlerkolonie etabliert, die mit Ausstellungen auf sich aufmerksam macht. In einem alten Militärbau neben der Kapuzinerkirche logiert ein engagiertes Privattheater. „Kunstresidenz“ nennen die Kreativen ihre Gemeinschaft selbstbewusst. Goethe hätte seine Freude daran gehabt.

